ElringKlinger AG
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Im Gleichtakt

Höchstleistungen können nur durch funktionierende Teams erbracht werden. Darüber sind sich Marcus Schwarzrock, Bundestrainer der deutschen Ruderer, und Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG, einig. Wenige Monate vor den Olympischen Spielen 2016 trafen sie sich zu einem Zwiegespräch an der Ruderakademie in Ratzeburg.

WOLF — Wenige Monate noch, dann beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Sind Sie schon im Olympia-Fieber?

SCHWARZROCK — Unsere gesamte Arbeit wird vom Rhythmus der Olympischen Spiele bestimmt. Olympia ist das Non-Plus-Ultra, auf das wir uns vier Jahre vor­bereiten. Die Trainingsintensität nimmt zu, je näher die Spiele rücken. Dabei spielt es auch eine Rolle, dass Rudern eine Amateur-Sportart ist. In den ersten zwei Jahren der Olympiade sollen sich die Athleten mehr um ihre Ausbildung kümmern, das ist uns sehr wichtig.

WOLF — Was mich am Rudern fasziniert, ist die Koordination der Athleten. Ich finde es bewundernswert, wenn im Achter alle Bewegungen völlig synchron verlaufen. Vermutlich ist das vor allem eine Frage des gemeinsamen Trainings.

SCHWARZROCK — Rudern ist ein Teamsport. Und trotzdem: Um überhaupt in die Mannschaft zu kommen, muss man zunächst individuelle Stärke zeigen. Jeder muss sich zunächst im Einer oder im Zweier ohne Steuermann beweisen. Die Schnellsten und Stärksten kommen dann in ein Boot und trainieren fortan gemeinsam.

WOLF — Als Manager mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die größte Herausforderung darin besteht, aus sehr leistungsfähigen Individuen eine Mannschaft zu formen, die bedingungslos zusammensteht. Wahrscheinlich ist das bei Ihnen ähnlich...

SCHWARZROCK — Ja, absolut. Und je größer das Team wird, desto schwieriger ist diese Aufgabe. So spielt beim Achter – einschließlich Steuermann neun Menschen – die Mannschaftsbildung eine extrem große Rolle. Es gilt, innerhalb des Teams herauszuarbeiten, wer welche Stärken und Schwächen hat, und dementsprechend die Positionen auf dem Boot zu verteilen. Und wenn jemand ein sehr guter Einzelruderer, aber nicht teamkompatibel ist, haben wir ja noch den „Einer“ (lacht). Manchmal ist es sinnvoller, einen etwas schwächeren Ruderer einzusetzen, der aber perfekt in die Mannschaft passt.

WOLF — Das ist bei uns ähnlich, gerade in Entwicklungsteams, die an Zukunftsthemen wie Leichtbau oder emissionsarme Antriebe arbeiten. Das sind hoch komplexe Technologien, für die die Expertise vieler Menschen benötigt wird. Zwar gibt es durchaus einzelne Spitzenleute, die auch alleine viel bewegen, aber sehr viele „Einer“ können wir uns nicht leisten.

SCHWARZROCK — Wenn es um absolute Spitzenleistung geht, muss sich das Team sehr einig sein. Dann darf es nicht um Emotionen oder Machtstrukturen, sondern nur noch um die Sache gehen. Alles muss dem Ziel untergeordnet sein.

WOLF — Und wenn dann doch ein Fehler passiert?

SCHWARZROCK — Dann zeigt sich die Größe einer Mannschaft. Denken Sie an das WM-Finale 2011. Unser Doppel-Vierer lag in Führung, ich hatte die Faust schon oben, als kurz vorm Ziel ein Ruderer einen Krebs fing – so nennt man es bei uns, wenn das Ruder zu weit abtaucht. Wir wurden nur Zweiter. Trotz der Enttäuschung haben alle das Motto „Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen“ gelebt. Das hat die Mannschaft sehr gestärkt, im Jahr darauf holte sie Gold bei den Olympischen Spielen.

WOLF — Aus Enttäuschungen zu lernen und es erneut zu versuchen, halte ich für eine wichtige Erfolgs­voraussetzung, im Sport genauso wie in der Wirtschaft.

„Bei absoluter Spitzenleistung darf es dem Team nur um die Sache gehen. Alles muss dem Ziel untergeordnet werden.“


MARCUS SCHWARZROCK –
Cheftrainer des Deutschen Ruderverbandes

SCHWARZROCK — Klar sind physische Leistungs­fähigkeit und Bewegungstalent beim Rudern sehr wichtig. Die mentalen Fähigkeiten darf man aber nicht unterschätzen. Man muss bereit sein, sich jeden Tag im Training zu quälen – vor den Olympischen Spielen bis zu 30 Stunden in der Woche. Und im Wettkampf, in jedem einzelnen Rennen, muss man an die Leistungsgrenze gehen. Das tut weh!

WOLF — Auch wenn wir Talente identifizieren, geht es nicht nur um die fachliche Qualifikation und die Intelligenz. Sondern auch um die Frage, wie sehr sich jemand engagiert. Aufgrund der demographischen Entwicklung gestaltet sich die Talentsuche in Deutschland zunehmend schwieriger. Deshalb kooperieren wir eng mit verschiedenen Hochschulen und versuchen, junge Menschen über Praktika und Abschlussarbeiten frühzeitig an uns zu binden. Wir hatten vereinzelt auch Leistungssportler, die bei uns die Praxisphasen ihres ­Dualen Studiums absolvierten. Unsere Erfahrungen waren sehr positiv, denn durch den Leistungssport sind diese jungen Menschen bereits stark geprägt. Diszi­plin, Konzentration, Leistungsbereitschaft und Ziel­orientierung werden auch auf den Beruf übertragen. Das sind die Werte, die die Besten von den Guten ­unterscheidet.

SCHWARZROCK — Wir sehen bei 80 Prozent unserer Junioren, dass die schulischen Leistungen sich nach dem Einstieg in den Leistungssport verbessern. Die lernen rasch, ihre Zeit besser einzuteilen und konzen­trierter zu arbeiten.

WOLF — Gibt es im Rudersport eigentlich auch Innovationen?

SCHWARZROCK — Sogar in mehreren Dimensionen. Zum einen arbeiten wir mit Universitäten und ­Forschungseinrichtungen zusammen, um unsere Trainingsmethoden laufend zu verbessern. Zum Beispiel untersuchen wir gerade einen ganz neuen Ansatz hin­sichtlich der Trainingsintensität und vergleichen ihn ­mit dem, wie wir es heute machen. Zum anderen hat sich die Bootstechnik stark weiter entwickelt. Früher arbeiteten wir mit Holzbooten, heute kommen Kevlar und Karbon zum Einsatz. Moderne Boote sind leichter und gleichzeitig steifer.


Dr. Stefan Wolf und Marcus Schwarzrock fachsimpeln im Bootshaus über das Thema Leichtbau – bei Ruderbooten und in der Automobilindustrie.

WOLF — Leichtbau ist für ElringKlinger ebenfalls sehr wichtig. So, wie Sie Holz durch Karbon ersetzen, ­verwenden wir immer mehr Kunststoff anstelle von Metallen. Das steigert die Effizienz, da im Fahrzeug ­geringeres Gewicht immer mit weniger Kraftstoffverbrauch und damit niedrigeren CO2-Emissionen ein­hergeht.

SCHWARZROCK — Es ist wichtig, dass wir ständig Fortschritte machen, denn die internationale Konkurrenz wird immer stärker. Sehr viel mehr Nationen als früher haben heutzutage Medaillenchancen. Unsere stärksten Konkurrenten sind sicher Neuseeland – ­absolute Weltspitze –, die USA und die Engländer. Bislang hatten wir als mitgliedsstärkster Ruderverband der Welt den Anspruch, in allen 14 Olympischen Bootsklassen erfolgreich zu sein, aber das wird immer schwieriger. Deswegen denken wir auch über eine Konzentration der Mittel nach. Der Deutschland-Achter steht aber nicht zur Debatte.

„Wenn wir in Deutschland Weltklasse bleiben wollen, müssen wir innovativ sein – egal, ob im Sport oder in der Wirtschaft.“


DR. STEFAN WOLF –
Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG

WOLF — Für einen Automobilzulieferer stellt die Globalisierung sowohl eine große Chance als auch eine große Herausforderung dar. Einerseits sind wir in allen großen Automobilmärkten wie Nordamerika oder China mittlerweile mit eigenen Werken präsent. Andererseits sind auch Wettbewerber herangewachsen, ­die es vor 20 Jahren noch gar nicht gab. Um an der ­Spitze mitspielen zu können, müssen wir unsere Produkte laufend besser machen und innovative Ideen umzusetzen. Zudem müssen sich unsere Kunden, die Automobilhersteller, immer strengeren Vorgaben für Abgas- und CO2-Emissionen stellen. Dafür müssen wir Lö­sungen entwickeln. Wenn wir in Deutschland Weltklasse bleiben wollen, müssen wir innovativ sein – egal, ob im Sport oder in der Wirtschaft.

SCHWARZROCK — Ich will nicht wehleidig klingen, aber ich glaube, dass wir da im Sport größere Pro­bleme haben als in der Wirtschaft. Mir geht es nicht nur um den Leistungssport. Schon im Bildungssystem investieren wir zu wenig in den Sport. Der sollte gleichwertig zu anderen Schulfächern sein – davon würde die gesamte Gesellschaft profitieren. Da sind uns die Engländer und die Amerikaner weit voraus...

WOLF — Das habe ich in meiner Zeit als Austauschschüler in den USA am eigenen Leib erfahren. Da gab es ein breit gefächertes Angebot von unterschied­lichen Sportarten und es war ganz normal, jeden Tag nachmittags zum Sport zu gehen. Ich fände es sehr wichtig, dass wir an unseren Schulen bessere Sportangebote schaffen. Denn Sport erfüllt über die Gesundheit hinaus weitere wichtige Funktionen: Junge Menschen lernen, sich Ziele zu setzen und diese im Team gemeinsam zu erarbeiten. Apropos Ziele: Wie viele Goldmedaillen tragen die deutschen Ruderer aus Rio heim?

SCHWARZROCK — Das Ziel lautet drei bis fünf Medaillen, davon mindestens einmal Gold.

WOLF — Das klingt angesichts der von Ihnen beschriebenen starken Konkurrenz sehr ehrgeizig.

SCHWARZROCK — Das ist es auch, da oft nur Hundertstel Sekunden über den Sieg entscheiden. Aber man muss sich hohe Ziele setzen, wenn man etwas erreichen will.

WOLF — Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Danke für das spannende Gespräch!